Leuchtenburg
Eine mittelalterliche Satire
Es waren einmal - vor nicht allzu langer Zeit - die edlen Herren von der gemeinnützigen Stiftung Leuchtenburg, die bei einer Sitzung überlegten, wie die mittelalterliche Leuchtenburg noch mittelalterlicher aussehen könnte. Und weil blinder Eifer und sinnloser Aktionismus immer besser wirkt als nichts zu tun, beschloß man kurzerhand den halben Burgberg abzuholzen. Im Mittelalter war schließlich der Burgberg auch nicht mit Bäumen bewachsen (also weg mit dem überflüssigen Zeug) und überhaupt - ein freierer Blick (auf eine Burg, die sowieso schon weit sichtbar das Saaletal überragt) würde auch noch dabei herauskommen.
Nun wurden im Mittelalter ja Burgberge frei gehalten, um übelwollende Feinde von weitem zu erkennen und leichter bekämpfen zu können, weswegen man sich besorgt fragen muß, ob nun im Jahre 2008 erneut der Ansturm einer feindlichen Macht zu erwarten ist. Zudem kommen die Bürger der umliegenden Dörfer nun heftig ins Grübeln. Wenn die beherrschende Logik es verlangt, wieder in die Verhältnisse des Mittelalters zurückzukehren, vielleicht müssen dann in baldiger Zukunft nach dem Willen der Leuchtenburg-Stiftung auch andere Sitten und Gebräuche aus dem Mittelalter wieder eingeführt werden - etwa Fäkalien auf der Straße zu entsorgen, Kinder in Kreuzzüge zu schicken oder Frauen als Hexen bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Wenn schon, denn schon, je originalgetreuer umso besser. Auch sieht man in Seitenroda und Kahla nun kaum noch junge Männer auf der Straße, denn die Befürchtung ist groß, daß diese über Nacht zu Schwertern und Hellebarden einberufen werden, um den kahlen Burgberg gegen ein unbekanntes Heer zu verteidigen.
Überdies sind die Herrschaftsverhältnisse im Saale-Holzland-Kreis auf einmal in Frage gestellt, denn in einer Presseverlautbarung gab die Stiftung stolz bekannt, die Burg würde nach der Abholzung "noch königlicher" aussehen. Ob die Stiftungsherren sich in Folge gleich zu Rittern schlagen lassen wollen, um von der frei stehenden Burg das umliegende Land zu beherrschen, wurde jedoch nicht berichtet. Stattdessen sprach man - etwas verschämt - davon, daß "Eschen-, Ahorn- und Eichenbäume in beträchtlicher Zahl" fallen würden, um die hohen Ziele der Burgherren zu verwirklichen. Und da der Protest der - sowieso außerordentlich lästigen - Naturschützer vorprogrammiert war, strotzte der Artikel vor süßem Beruhigungs-Met. Die untere Naturschutzbehörde hat ihr Einverständnis gegeben (was sonst, etwas anderes als kritikloses Ja-Sagen ist von dieser Behörde noch nie bekannt geworden - außer natürlich wenn Hänschen Meier in seinem Garten einen Baum absägen will, dann kann man ja zum Ausgleich für die eigene Ohnmacht mal richtig auf die Kacke hauen) und der zuständige Abholzungskoordinator (früher hieß der Beruf Förster) ist vor Ort und hat - man höre und staune - "nichts zu bemängeln". Wie kann auch der Forst etwas bemängeln, was er selbst täglich bis zum Abwinken praktiziert? Und da sich die mächtigen Herren schlecht mit Rüstung, Schwert und Wappenschild präsentieren können, läßt man sich halt mit Motorsäge an dicken Baumstämmen fotografieren. Die männlichen Hormone lassen grüßen.
Bürger, die jedoch bisher glaubten, ihre hart verdienten Dukaten in Form einer Spende einem Burgverein zu überlassen, überlegen nun besorgt, ob sie diese einem Abholzverein auch zukommen lassen wollen. Zudem stellt sich die Frage, worin die unschlagbare Ästhetik eines kahlen Hanges eigentlich besteht. Eines kahlen Hanges, der in Zukunft Wind, Frost und Wasser schutzlos ausgeliefert ist und einer verstärkten Bodenerosion unterliegt. Doch obwohl das heutzutage nun schon kleine Jungs im Naturkunde-Unterricht der dritten Klasse lernen, haben darüber ja die Ritter des Mittelalters auch nicht nachgedacht, also warum sollte das die Stiftung dann tun? Wichtiger ist, daß auf dem abgeholzten Hang bald Ziegen grasen werden. Wie idyllisch! Ob es dazu auch noch ein paar Jungfrauen gibt, die von Landsknechten verfolgt werden, schweigt sich die Stiftung allerdings aus. Und die komplexen Zusammenhänge zwischen fortschreitender Abholzung und Verkahlung und Ökologie, Luft- und Wasserqualität, Klimawandel und Feinstaubbelastung - also bitte, wer hat im 15. Jahrhundert denn darüber räsoniert ...
Erstaunlich ist, daß der zunehmende Drang, mittelalterliche Verhältnisse wieder zu rekonstruieren, irgendwie ansteckend sein muß. So hat man neuerdings vorgeschlagen, auch Kastanien auf dem Jenaer Marktplatz abzuholzen, um den Blick auf ein neues Hologramm an einer Hauswand freizugeben. Kritikern wurde das schlagende Argument entgegengehalten, daß es im Mittelalter auf dem Marktplatz schließlich auch keine Bäume gegeben habe. Gratulation! Eine überzeugende Logik! Die historischen Erkenntnisse, die nachweisen, daß es an mittelalterlichen Hauswänden schon Hologramme gegeben hat, bleibt man uns dagegen - leider, leider - schuldig.
So entsteht dann in unserem wohl allzu modernen Gemüt der Verdacht, daß hier wie dort ein schales mittelalterliches Gebräu aus Größenwahn, Dummheit, Verantwortungslosigkeit und Gewinnsucht agiert.
In dieser Hinsicht scheint sich dann doch die letzten 700 Jahre nicht viel geändert zu haben ...
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